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Archiv für den Monat März 2011

Der 28.te Stock seines Blocks ist sein Zuhause. Er sitzt auf dem Dach. Kurze Khakishorts, ein weisses Unterhemd und abgeschlissene Turnschuhe an den Fuessen sitzt er entspannt in einem Campingstuhl und beobachtet den Himmel. Er traeumt.

 

Seit fruehester Kindheit kommt er hier hoch, um durchatmen zu koennen, die Welt, die ihn schon immer so stark bewegt hatte, zu spueren und zu fuehlen. Es gab Momente, in denen er meinte, die Rotation zu bemerken, die die Erde machte. Oft erschien es ihm, als waere sie nur fuer ihn gemacht. So rund und perfekt in ihrer Unvollstaendigkeit. Klare Luft, weisse Wolken, Sonne und ein Himmel, so blau wie die Alkoholiker vor den Supermaerkten seiner Stadt. Hier oben gehoerte es alles ihm, nur ihm allein.

 

Die Wolken haengen tief und er wartet nur darauf, sie an die hohen Haeuser, die in der Ferne zu erspaehen sind, prallen zu sehen. Die Sonne kitzelt seine Nase und das Bier in seiner Hand kuehlt seine Kehle als er einen weiteren, kleinen Schluck nimmt. Wie im Zeitraffer. Alles so schnell und vergaenglich. Die Wolken fliegen, die Sonne scheint und das Licht schwindet langsam, aber er bewegt sich nicht einen Millimeter. Er sitzt und traeumt. Mit offenen Augen und offenem Herzen.

 

Wovon er traeumt?

Niemand weiss es, denn was hier oben ist, bleibt hier oben. Das hatte er sich geschworen. Niemals wuerde er jemandem die Tuer zu diesem, seinem Garten Eden oeffnen. Keinen Spalt und keinen einzigen Blick ueber die Mauer liess er zu. Es war seins. Das sollte es auch bleiben.

 

Vielleicht dachte er an damals, als sein kleiner Bruder vom Kirschbaum gefallen war und ihn sein Vater, mit den Worten „Du haettest aufpassen muessen!“, verpruegelt hatte. Vielleicht dachte er an seine erste grosse Liebe, Seraphine, die ihn mit 15 so verrueckt gemacht hatte, wie ein Wolf eine Schafsherde, wenn er zaehnefletschend ueber den Zaun auf ihre Wiese sprang. Vielleicht dachte er an die Bauchspeicheldruesenkrebsdiagnose, die ihm ein junger Arzt in der Charité vor Monaten gestellt hatte, nachdem er ihm noch 2 Jahre zu leben eingeraeumt hatte.

 

Hoechstwahrscheinlich dachte er an nichts. Er fuehlte, wie er es schon immer in seinem Leben getan hatte. Seine Mutter hatte es ihm beigebracht. „Nicht mit den Augen oder dem Kopf sollst du Entscheidungen treffen, mein Schatz.“ hatte sie immer gesagt. „Sondern aus dem Bauch heraus und mit dem Herzen!“ Er hoerte auf sie. Immer wieder ist er auf seinem Weg gefallen und hatte sich die Knie zerkratzt, aber das aenderte nichts daran, dass er fuehlte. Oft schlecht, aber er tat es

 

Er lebte!

 

Langsam richtet er sich auf, denn es wird bereits kalt und die Sonne war bereits hinter dem Horizont verschwunden. Er sieht, wie die Lichter die Stadt erleuchten, beginnt zu laecheln und spuert wie die Luft an diesem warmen Sommerabend langsam zu flimmern beginnt. Er ist sich sicher.

 

 

Ein Schritt, ein Sprung.

Im Fall wich sein Laecheln einem grotesken, fast Schmerz verzerrtem Grinsen.

 

Sein letztes Gefuehl: Freiheit.

Sein letzter Gedanke: Ich will fliegen!

 

 

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Hastig atmete er die kalte Luft, sog sie durch die Nase und den Mund, als sollten es seine letzten Atemzuege sein. Es stand ihm Schweiß auf der Stirn, denn er wusste, es wuerde nicht mehr lange dauern.
Er war bereits um 4:30 aufgestanden, an diesem Morgen, hatte seine Wohnung mit seinen guten, maßgefertigten Schuhen von Luigi verlassen um zum Bahnhof zu gelangen, bevor der Berufsverkehr einsetzte. Er wusste, es wuerde passieren. In diesem Wissen hatte er die Lebensmittel im Kuehlschrank aufgebraucht, das Wasser abgedreht, die Milch und die Zeitung abbestellt und die Miete im voraus bezahlt. Bevor er in den Hausflur trat drehte er sich ein letztes Mal, mit seinem Aktenkoffer in der Hand und dem Trenchcoat ueber dem Unterarm haengend, um und blickte in seinen Wohnungsflur. „Schoen!“ dachte und „Bis bald.“ sagte er.

Einen Abend zuvor bereits, hatte er fuer 5:15 am Morgen ein Taxi bestellt. Um 5 Uhr und 14 Minuten trat er, jetzt schon ein wenig unruhig, auf die kleine Seitenstraße, die nur durch eine etwas weiter entferntere Laterne beleuchtet wurde, vor das 3 Stockwerke hohe Haus, in dem er schon einige Jahre seines Lebens verbracht hatte. Ein letzter Blick nach oben, auf die Fenster seiner Wohnung, um sicherzugehen, dass er nicht vergessen hatte das Licht zu loeschen. Eigentlich waere es unnoetig gewesen, denn er vergaß niemals etwas. Immer hatte er einen Plan. Oft, eigentlich sogar zu oft, schon bevor er ihn ueberhaupt haette gebrauchen koennen.
Seine Wohnung war dunkel. Massimo zog seinen Hut ins Gesicht und atmete tief durch. Hinten, am Ende der Straße, hoerte er das Taxi langsam um die Ecke rollen. Ploetzlich ueberkam ihn ein Impuls, den er vorher niemals gespuert hatte. Er wollte laufen. Sich umdrehen, die Treppen hastig in seine Wohnung hinaufstolpern, die 4 Sicherheitsschloesser hinter sich schließen um sich dann wieder und wieder unter der Dusche zu waschen. Das Taxi hielt vor ihm. Der Fahrer kurbelte langsam das Fenster herunter und fragte mit einer Zigarette zwischen den Zaehnen, ob er Fanicelli sei. Er antwortete nicht, nickte nur kurz und stieg hinter dem Fahrer in den Wagen. Auf der Rueckbank stank es nach Pfefferminz und abgestandenem Bier. Es dauerte keine 2 Minuten, bis er begann herumzurutschen, auf der Suche nach einer Sitzposition, die ihm zusagte.
„Alla stazione, ah?“ fragte der Fahrer nach kurzer Zeit, obwohl er das Ziel kannte, denn Massimo hatte es gestern, am Telefon, angekuendigt.
„Si.“ antwortete er nuechtern, seinen Aktenkoffer auf den Knien liegend und die Haende darauf gefaltet.

Um 5:41 erreichte er sein Fahrtziel, stieg aus, bezahlte den Fahrer und erklomm hastig die Stufen zur Haupthalle des Bahnhofs. In 19 Minuten wuerde sein Zug abfahren. Massimo begab sich zielgerichtet, aber nicht ueberhastet zu einem Ticketschalter, der sich auf der rechten Seite der Haupthalle befand. Eine junge Frau laechelte ihn bereits erwartend an, sagte „Bongiorno, was kann ich fuer sie tun?“ und ließ ihre Haende schnell ueber ihr Eingabebrett flitzen, als er ihr geantwortet hatte. „Der Zug geht dann in 14 Minuten von Gleis 4.“ hatte sie als letztes gesagt, er das Ticket in seiner Innentasche verstaut, sich bedankt und kurz am Hut gezupft bevor er sich umdrehte und sich ohne Umwege auf den Weg zum Gleis machte.
Auf dem Weg dorthin kam er an einem Kiosk vorbei und seine hellgruenen Augen streiften die La Repubblica, die mit einer Titelseit bestueckt war, die ihn schockierte: „Polizeikommissar Melarne tot in seinem Haus aufgefunden. 2 Kinder und Frau vermisst“

Massimo selbst war Polizist und er hatte den Kommissar sehr gut gekannt. Als er juenger war, hatte er ein fast vaeterliches Verhaeltnis zu ihm gehabt und er kannte Milena, seine Frau, und die 2 Jungs Frederic und Roberto. Oft hatten sie zusammen bei ihnen auf der Veranda gesessen, Wein getrunken und sich ueber die Arbeit unterhalten. Sofort wusste er was passiert war. „Die haben es getan!“ dachte er, als er die Zeitung mit einem viel zu großem Schein bezahlte und das Rueckgeld auf dem Tresen vergaß. Auf der zweiten Seite, fand er ein Bild von Vincenzo Malerne. Er war, sitzend auf seiner Couch, erschossen worden. Der Kopf war nach hinten geklappt, sodass man nur seinen zerrissenen Hals sehen konnte. Ein Blick auf seine teure Armbanduhr riss ihn aus diesem Bann, denn sie sagte ihm, dass es Bereits 5:58 war. Seinen Koffer in der einen, die Zeitung in der anderen begann er nun zum Gleis zu rennen und erwischte seinen Zug grade noch rechtzeitig.

In seinem Abteil, er hatte es zum Glueck fuer sich allein, legte er als erstes seinen Mantel, seinen Hut und seinen Koffer ab, setzte sich ans Fenster und starrte minutenlang heraus. Er griff nach der Zeitung und las die Schlagzeile zu ende.

„Am Abend des gestrigen Donnerstags, hatten besorgte Nachbarn des Polizeikommissars Vincenzo Malerne die Polizei gerufen, nachdem sie Schreie und Schuesse aus seiner Villa am Stadtrand gehoert hatten. Die zustaendigen Behoerden waren nach wenigen Minuten vor Ort und konnten nur noch den Tod des Kommissars feststellen. Er wurde auf der Couch des Wohnzimmers im Erdgeschoss mit 2 Schuessen in den Kopf hingerichtet aufgefunden worden. Nachdem der Rest des Grundstuecks abgesucht worden war, wurde das Fehlen der restlichen Familie Malerne festgestellt. Seine Frau und seine 2 Soehne und die Hausdame sind spurlos verschwunden und die Suche laeuft derzeit auf Hochtouren. Desweiteren wurde festgestellt, dass Akten des Falls „Mesa Mortelli“ verschwunden sind. Der Fall, der ein komplettes Kartell wohl haette zu Fall bringen koennen und der letzte, von Vincenzo Malerne bearbeitete. Der Revolvermann Mortelli hatte vor einigen Jahren in Genovese mehrere Maenner erwuergt, sie in ein Auto gesperrt und es in die Luft gesprengt. Nachdem er vor einiger Zeit durch einen Formfehler in einem Gerichtsverfahren wieder auf freien Fuss gesetzt werden musste, hatte Malerne alles noetige getan, die Mafia wieder in den Griff zu bekommen. Es sollte wohl seine letzte Aufgabe gewesen sein.“

Massimos Blick wanderte ueber die Bilder der Leiche und dann wieder aus dem Fenster. Er beobachtete die vorbeifliegende Landschaft, die Olivenbaeume, die Weinberge und die Orangenplantagen, die er mit hoher Geschwindigkeit hinter sich ließ. Die Sonne ging hinter den Bergen auf, begann ihn zu blenden aber gab ihm auch ein wenig Ruhe. Er wuerde bald da sein. Nervoes oeffnete er den Koffer, den er bei sich trug, liess die gefaltete Zeitung darin verschwinden und lehnte sich auf dem Sitz zurueck. Er koennte noch einige Stunden Schlaf gebrauchen.

Er erwachte. Etwas war anders, er merkte es sofort. Auf dem Sitz ihm gegenueber, lag ein dunkler Hut, dunkler als der seine. Ploetzlich wurde die Schiebetuer aufgeschoben. Ein riesiger Mann in einem schwarzen Nadelstreifenanzug, einem weissem Hemd und einer dunklen Kurzhaarfrisur betrat das Abteil.
„Oh, sie sind wach. Ich hoffe, ich habe sie nicht geweckt.“
„Nein, haben sie nicht.“
Massimos Herz schlug bis zum Hals und seine Haende wurden unmittelbar schwitzig. Angst ueberkam ihn, denn er wusste, wie es laufen konnte. Schließlich hatte er grade erst die Bilder von Vincenzo gesehen. „Sagen sie, welche Station war die Letzte?“ fragte er mit leicht zitternder Stimme. „Wir waren grade in Genovese. Verzeihen sie mir, aber ich werde nun etwas lesen.“ antwortete der Fremde freundlich aber bestimmt, setzte sich und zog eine La Repubblica aus seiner Innentasche. „Danke.“ antwortete Massimo, nickte und wurde fuer einen Moment wieder ruhig. „Nur noch 1 Station.“ dachte er. „Vielleicht 10, 20 Minuten Fahrt.“. Er wurde wieder nervoeser, begann ,kaum merklich fuer seinen Gegenueber, auf dem Sitz hin und her zu rutschen. Massimo wusste, dass es nicht mehr lange dauern wuerde. Er oeffnete seinen Koffer, schloss ihn wieder, sah kurz aus dem Fenster, oeffnete ihn wieder und seufzte kurz. Schloss ihn wieder und und begann sich aufgeregt die Finger zu reiben.
Der Zug verlangsamte seine Fahrt und Massimo stand nach seinem Hut und seinem Trenchcoat greifend auf. „Ciao!“ sagte der Mann ihm gegenueber und er erwiderte diese freundliche Geste, wuenschte ihm alles Gute und zog sich langsam an. Als er sich zur Tuer umdrehte, wartete er auf dieses warme Gefuehl im unteren Ruecken, dass so Viele vor ihm schon gespuert hatten, bevor sie auf dem Boden eines Zugabteils ihre letzten Gedanken fassten. Wie in Zeitlupte griff er nach der Tuer, versuchte ein Geraeusch zu hoeren, dass die bevorstehende Tat vielleicht schon ankuendigt haette.
Nichts passierte.
Er zog die Tuer auf und machte einen Schritt auf den Gang, schloss sie wieder und atmete erneut tief durch. Er drehte sich nach links und bewegte sich entgegen der Fahrtrichtung zu einer der Tueren. Er war erleichtert aber trotzdem hatte seine Nervoesitaet ihn noch nicht verlassen. Er begann zu zittern, als der Zug schließlich zum Stillstand kam. Durch das Fenster an der Tuer sah er Schilder mit der Aufschrift „Gleis 2“ und wusste sofort, dass es richtig gewesen war, diese Zugfahrt gemacht zu haben. 3 Stufen. Nun stand er auf dem Bahnsteig und zog sich den Hut vom Kopf.
Hastig atmete er die kalte Luft, sog sie durch die Nase und den Mund, als sollten es seine letzten Atemzuege sein. Es stand ihm Schweiß auf der Stirn, denn er wusste, es wuerde nicht mehr lange dauern.
Er oeffnete seinen Koffer. Unauffaellig in der Menschenmenge stehend, zog er etwas hervor. Lang, spitz wie ein Dolch und von so unbeschreiblicher Schoenheit wie Bosheit. Zumindest war das sein Gefuehl in diesem Moment.

Eine Hand auf seiner Schulter. Er wirbelte herum und blickte ihr gradewegs in die Augen. In die Augen, in die er sich vor 2 Monaten verliebt hatte. Sein Herz begann wie wild zu schlagen, sein Kopf blieb stehen und wie in Trance begann er zu grinsen. Sie beugte sich zu ihm herueber, kuesste ihn auf die Wange und nahm ihm die Rose ab, die er soeben aus seinem Koffer geholt hatte.
„Hey Massimo. Schoen dich endlich zu sehen! Sag mal, wird sich das jemals aendern?“ fragte sie ihn mit einem maedchenhaften Laecheln im Gesicht.
Er, immer noch wie in einem Traum gefangen, antwortete nur mit einem „Ich hoffe nicht.“ und begann verschmitzt zu grinsen. „Es ist wirklich schoen dich endlich wiedersehen zu koennen.“ haengte er einige Sekunden spaeter an. „Gleichfalls.“ sagte sie mit ihrer zarten, beruhigenden Stimme. „Komm, wir gehen erstmal einen Espresso trinken. Ich hab sogar Beruhigungstabletten dabei, damit dein Herz nicht noch platzt. Ich hoffe, du bleibst dieses Mal laenger!“

Mit Herzklopfen bis hinunter in die Fuesse dachte er an die abbestellte Milch, sah sie an und sagte: „Wer weiss. Ich hab keine Plaene.“

Die Tuer des grossen, weissen Transporters knallte zu.

Zur gleichen Zeit saß sie in ihrer Kueche, wusch Pilze und bereitete das gemeinsame Essen vor, dass sie seit 3 Jahren jeden Donnerstag fuer sie beide kochte, um wenigstens etwas Regelmaessigkeit in ihrer beider Leben zu bringen.

Vor dem Haus schloss er den Wagen ab, stampfte ein paar mal auf der Fussmatte vor der Tuer auf, um ueberfluessigen Dreck von den Schuhen zu bekommen und atmete ein letztes Mal tief ein, bevor er den Schluessel im Schloss drehte und die Tuer zum Flur oeffnete.

Wie immer.

Sie stand bereits da, mit ihrem unvergleichlichen Laecheln, ihrer Kochschuerze und den wild zerzausten Haaren.

„Alles wie immer.“ dachte er, ging auf sie zu und umarmte sie mit den Worten „Hallo Schatz, wie war dein Tag?“. Wie immer, doch sie merkte sofort, dass etwas nicht stimmte.

„Ganz ok. Deiner?“ fragte sie leicht beunruhigt und unsicher, ob sie die Antwort ueberhaupt wissen wolle. „Ja, alles ok. Es gab mal wieder Aerger im Verein, aber das kennst du ja.“ antwortete er, bedacht darauf sie nicht unnoetig zu verunsichern. Sie schien beruhigt, nahm ihn in den Arm, hauchte ihm ein „Komm, das Essen ist gleich fertig!“ ins Ohr, und zog ihn an der Hand in die Kueche.

Beim Essen, es gab selbstgemachte Penne mit Steinpilzsauce und Trueffel, ueberkam es ihn ploetzlich. Wie hatte so etwas passieren koennen? Jahrelang hatte er fuer sie gesorgt, wie sie sich um ihn gesorgt hatte, aber er fuehlte nicht einmal mehr dieses Verlangen, sie einfach in den Arm zu nehmen, wie er es frueher immer getan hatte. Viel lieber dachte er an sich, eine Harley Davidson und die Route 66. Einfach fahren, bis es nichtmehr weiter ginge, sich umdrehen und von vorn beginnen. „Von vorne beginnen.“ schwirrte es in seinem Kopf umher. „Von Vorne.“ dachte er sich leise und sah sie dabei an. Sie, gaenzlich versunken in ihre koestliche Mahlzeit, bekam von alledem nichts mit. Wie haette sie auch, schliesslich war er schon immer introvertiert gewesen und hatte nie wirklich viel gesprochen. Vorallem mit ihr.

Und trotzdem hatten sie vor 3 Jahren geheiratet und er hatte geschworen, sie zu lieben in guten, wie in schlechten Tagen. Dies waren wohl eindeutig die Schlechten. Aber nicht fuer sie, oder ihn, sondern einfach fuer sie beide. „Ist es vielleicht einfach die falsche Zeit? Oder gar ein falsches Leben?“ dachte er bei sich und beobachtete sie weiter unauffaellig beim Essen.

„Haben wir uns vielleicht einfach zu frueh getroffen? Waren wir vielleicht mal fuer einander bestimmt, aber zu einem spaeteren Zeitpunkt in unserem Leben? Haetten wir gluecklich werden koennen, haetten wir uns spaeter getroffen?“.

Er starrte sie unaufhoerlich an und sie bemerkte es. „Ist alles ok?“ fragte sie, nun wieder leicht beunruhigt. Sie bekam keine Antwort, aber erlebte nun etwas, dass sie nie zuvor erlebt hatte. Dieser Mann, ihr Mann, der ihr am Tisch gegenueber saß, war nichtmehr der ihre. Sie wusste es sofort, als er ihr in die Augen blickte. Es fehlte etwas. Nicht nur dieses Glitzern, dass er frueher so oft gezeigt hatte, als sie noch zusammen auf der Schule gewesen waren. Aber nun, nach 6 Jahren Beziehung, 2 Schwangerschaften und 2 Fehlgeburten, 5 Neuanfaengen weit ab ihrer Familien in den unterschiedlichsten Staedten, war es verschwunden. Sie wusste sofort was er dachte, und viel schlimmer noch: Was er fuehlte. Nichts.

Sie stand auf, raeumte den Tisch ab und immernoch sagte er nichts.

An die Arbeitsplatte der Kueche gelehnt blieb sie stehen und ihr Blick wanderte ziellos umher, bis er schliesslich auf der mit Kies bedeckten Einfahrt haengen blieb.

Alles was sie sah, waren Steine.

Steine im Weg.

Sie steht am Fenster, blickt raus, ueber die Daecher. Erblickt Stacheldraht und ein Stueck vom Himmel. „Wie weit es wohl bis zum Mond ist?“ fragte sie sich leise selbst. Wen sollte sie auch sonst fragen, es war ja niemand ausser ihr da. Ihre Katze sprach seit Ewigkeiten nicht mehr mit ihr und ihr Freund war vor einiger Zeit mit einem einzigen Koffer ausgezogen. „Wir sehen uns!“ hatte er gesagt, und sie hatte gewusst, dass es eine Luege war. „Auf dem Mond ist doch alles leichter..oder?“. Sie verstummte, als erwarte sie eine Antwort, von den so tief haengenden Wolken, vom Bauarbeiter auf dem Geruest gegenueber, vom Spatz am Vogelhaus unter ihrem Fenster. Stille. Niemals hatte sie sich so leer und zerbrechlich gefuehlt, niemals so unsicher.

Sie dreht sich langsam um, greift nach der Kaffeekanne: Leer. Es wuerde ihr vierter Liter werden und es war noch nicht einmal Mittag. Bis zum Abend, haette sie wohl zwei weitere Liter geschafft, wuerde die Nacht wieder unruhig auf der Couch verbringen (denn seit er verschwunden war, konnte sie das gemeinsame Bett nicht mehr benutzen) und wuerde schliesslich im Morgengrauen vor dem Fernseher einschlafen.

Am naechsten Morgen, wie immer puenktlich um 7 Uhr, sass sie wieder in ihrer Kueche und trank den ersten und besten Kaffee des Tages. An ihrem kleinen Ebenholztisch standen zwei Stuehle und sie starrte wie gebannt auf den leeren ihr gegenueber. „Der Mond..“ murmelte sie.

Langsam stand sie auf.

„Ich muss zum Mond. Dort wird alles leichter sein!“