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Bloed

Manche Menschen behaupten, Empathie sei eine Gabe. Manche Menschen erwaegen aber auch in ein Ausland zu gehen, das sie nur von Postkarten kennen und wieder andere handeln, anstatt zu denken.

Langsam kratze ich den Rest des Cappucinovanilleflavourschaums aus der Tasse. Ich habe genug. Von allem. Wo ist das Ende und wo fing es ueberhaupt an aufzuhoeren? Langsam wird alles wirr und ich schreibe des Klangs und nicht mehr der Geschichte wegen. Die Tasse ist leer. Wie ich. Irgendwann hatte ich alles, aber niemals genug. Fragen, die ich seit Ewigkeiten in mir trage, sind immernoch unbeantwortet, aber ich will nicht mehr warten. Wie auf den dritten ausgefallen Bus in Folge. Stattdessen will ich gehen. Ein Schritt, noch einer. Im Kopf klar, aber die Gedanken zu laut. Vielleicht bohr ich ein Loch und fuelle sie in ueberteuerte 0,33l Dosen mit meinem Gesicht auf der Vorderseite. ‚NAJAnade‘ oder so.
Gelegentlich fuehle ich mich wie ohne Besitzer verloren. Sehr. In einem marschierenden Haufen voller Bleichgesichter in Bluemchenmustern aus dem Takt geraten, sodass jeder fremde Blick in meine Richtung faellt. Laufe ich falsch, oder sie zu richtig? Bin ich zu voll, oder mir alles zu leer? Aussen ist da wenig Sinn, aber drinnen. Alles ist drinnen, in mir drin. Kein Schaum mehr. Schon lange nicht mehr. Leer. Dabei mag ich Cappucino nicht einmal. Nur den Schaum.

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Realitaetsverlust. Zeit ist unwirklich und Musik nicht greifbar. Waehrend draussen die Sonne scheint, liege ich hier drinnen. Hier ist es sicher. Hier, hinter den dunklen Vorhaengen. Hinter all den Wellen aus Schall, die durch das nur spaerlich belichtete Zimmer schwappen. Meer. Klangmeer und ich kann nicht schwimmen. Rettungswesten braucht doch niemand. Vielleicht ist dieses Meer wie das Schwarze und traegt mich, wenn ich nur still genug auf dem Ruecken liege. Die Knubbel der Tapete sind gezaehlt. Gestern habe ich meine Tshirts nach Farben sortiert. Schwarz und Weiss. Dazwischen lag ein einzelnes gelbes. Bin heute noch verwirrt. Innere Unruh wie in einer Automatikuhr. Eigentlich ist alles merk wuerdig. Und Zeit zieht sich wie Kaugummi.

Ein Raum.
Ein Tisch, 2 Stuehle.
Gebuerstetes Metall und Fliesen.

Auf dem Tisch ein leeres Blatt Papier, ein Bleistift und ein batteriebetriebenes Radio. Ich sitze in der Ecke, starre auf die weissen Fugen zwischen den A5 grossen Fliesen.

Leere.

Wie ein ausgetrunkenes Glas, eine noch nicht gefuellte Tasse. Das war es was ich fuehlte. Ich stand auf, ging zum Tisch, setzte mich auf einen der Stuehle, griff den Bleistift und begann zu schreiben.
Das war es, was er verlangte.

„Hey.

Es tut mir so sehr Leid, dass ich es garnicht in Worte fassen kann. Ich weiss, ich habe dich verletzt und ich weiss, es gibt keinen Weg, es wieder ungeschehen zu machen. Jetzt bin ich derjenige, der sich sein Leben lang Vorwuerfe machen wird, etwas wunderschoenes wie dich verloren zu haben. Es geht tiefer, als dir diese Zeilen sagen koennten, aber ich weiss leider, dass du mich verstehst. Ich wuerde gerne zurueckspulen, alles.
Einfach wieder an dem Punkt sein, als wir uns das erste Mal begegnet sind, damals bei Starbucks. Noch einmal diese wundervollen, atemberaubenden Momente mit dir durchleben, als wir ein Jahr spaeter am Hafen standen, eng ineinander verschlungen, und die Schiffe beobachteten. Ich wuerde alles geben, nur um es besser machen zu koennen als dieses Mal. Unterm Strich, weiss ich: Es ist unmoeglich.
Viel zu sehr habe ich dich verletzt, dich belogen und ausgenutzt.“

Mein Kopf begann zu schmerzen.
„Mein Kopf, er will, das ich leide.“ dachte ich.

„Ich will dir nur zeigen, wie sehr ich es bereue diesen Schritt getan zu haben.
Wie sehr ich es vermisse neben dir aufzuwachen.“

Ploetzlich fahre ich herum, schweissgebadet liege ich auf einem Bett, meinem Bett , unter meiner Wolldecke.

Der Platz neben mir leer. Nur ein Post-It mit der Aufschrift: „Ich war ein Traum und du konntest nicht aufhoeren zu schlafen.“