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Sinngeschichten

Kurz, lang, Tagebuch und Sms. Whatsapp und Briefe, Geschichten und Traeume. Ich schrieb schon alles. Ueber dich.

Du, das ist nicht du. Es ist das Gefuehl, dass ich jage. Der Wille, dazuzugehoeren und Dinge anders zu machen, als meine Eltern das frueher taten. Der Drang, zu schreiben. Ueber dich. Du, das bist du, wie du neben mir an der roten Fussgaengerampel stehst und dein Parfuem mich zum Laecheln bringt bevor wir uns kurz ansehen und rot werden. Du, das bist du, wie du mit deiner besten Freundin am Telefon ueber mich sprichst und kurz zoegerst weiter zu sprechen, wenn ich den Raum betrete. Du, wenn du mir in der Ubahn gegenueber sitzt, in dein Buch lachst und vertraeumt mit der Haarstraehne spielst, die dein Gesicht so schon umrahmt. Du, das bist du, wenn du in der vollen, anfahrenden Strassenbahn gegen mich stolperst und dich dann, an mir festklammernd, nuschelnd entschuldigst. Wenn du schlaefst und mich in deinem allnaechtlichen Tatendrang misshandelst, um am Morgen zu fragen, ob ich wieder aus dem Bett gefallen bin. Du, das bist du, wenn du dir morgens deinen Schal extra hoch ins Gesicht ziehst, damit ich nicht sehen kann, wie sehr du grinst, waehrend wir zusammen in den Fahrstuhl steigen. Du, dass bist du, wie du umarmst und deine Hand auf meinen Hinterkopf legst, um mich noch fester an dich zu druecken.

Eigentlich weiss ich nicht, wer du bist, aber ich weiss, dass ich dich ueberall sehe, ohne dein Gesicht zu kennen.

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Als er wach wird, weiss er fuer den Bruchteil einer Sekunde weder wo, noch wer er ist. Schmerz im Koerper und Tatendrang im Kopf dreht er sich auf die Seite und erblickt gebluemte Bettwaesche, noch und noecher. Wie der Himalaya bauscht sich vor ihm eine unwirkliche Wand aus Kissen und Decken mit immer wieder demselben Muster auf. Langsam beginnt er zu laecheln, denn als er an seinem eigenen, immernoch viel zu duennem Koerper hinunterblickt, entdeckt er nichts, als sich selbst. Keine Decke, die ihn haette warm halten koennen. Langsam, als wuerde es ihm Muehe bereiten, verschraenkt er die Arme hinter dem Kopf und legt sich auf seine gefalteten Haende. „Mh.“.

Der Blick geht in Richtung Decke und er ist erstaunt darueber, wie viel Ruhe von der Person neben ihm ausgeht. Weder ist er sich sicher, wer es ist, noch woher er oder sie kam. Aber ist das wichtig? Ist nicht viel wichtiger, dass er sich wohl fuehlt, waehrend diese Person, in Decken geschlungen wie ein halb Erfrorener, gleichmaessig atmend neben ihm liegt? Wie im Winter, wenn in den Charts keine Sommersongs mehr laufen, so fuehlt er sich grade. Als haette man ihm einen unbezahlbares, anspornendes Gefuehl gegeben, mit diesem Unbekannten neben ihm. Unwirklich. Wie er sich so heimlich in die Kueche schleicht, stellt er an seinem Verhalten fest, dass es doch jemand sein muss, der ihm.. Ein Geraeusch aus dem Schlafzimmer. Der Radiowecker, der leise beginnt zu spielen. Decken werden aufgewuehlt und ein leises Grummeln ist zu vernehmen. Als er im Tuerrahmen steht und die Augen zusammenkneift, um gegen das helle Sonnenlicht, dass durch das Fenster scheint vor dem das Bett steht, etwas erkennen zu koennen, beginnt er zu laecheln. Noch immer kann man nur Umrisse erkennen. Dunkel. Unter der Decke guckt ein Bein hervor dessen Fuss fast unmerklich im Takt der Musik wippt. Asaf Avidan saeuselt leise von „Maybe you are“ und wieder: Ist in Momenten wie diesen, irgendetwas wichtig? Der Deckenberg bewegt sich gleichmaessig auf und ab und, da der Fuß mitwippt, entscheidet er sich das Radio nicht auszustellen.

„Ein Kaffee fuer zwei!“ sagt er zu seiner Kaffeemaschine, bevor diese, als naehme sie Ruecksicht auf den Besucher, extra langsam und leise die frischen Bohnen mahlt und eine große Tasse Kaffee bis zum Rand fuellt. Tage wie dieser meisseln ihm unaufhoerlich ein Laecheln ins Gesicht, wie es nur selten von ihm getragen wird. Er weiss bereits jetzt, dass er nicht aufhoeren koennen wird, egal, wer oder was ihm heute einen Strich durch die Rechnung zu machen versucht. Um seinen Gedanken zu bekraeftigen haut er fest, aber doch irgendwie leise, auf den Tisch und sagt zu sich „So musses!“ bevor er mit seiner Tasse fest im Griff ins Bad steuert.
Auf dem Weg ins Bad wirft er im Vorbeigehen noch einen Blick ins Schlafzimmer. Noch immer saeuselt leise die Musik im Hintergrund, noch immer wippt der Fuß leicht auf und ab, wie er da so vom Bett herrunterhaengt. Der Berg ist groesser geworden aber dafuer sieht man nun schon 2 Beine, die ueberkreuzt aus den Decken ragen. Bevor er sich wieder wegdreht, um seinen Gang ins Badezimmer fortzusetzen, denkt er noch so bei sich: „Auf dem Bauch schlafen und unter 1000 Decken begraben? Das koennte ich ja nicht.“

Angekommen wo er hinwollte, stellt er sich vor den Spiegel und zeigt sich selbst seine groessten und beeindruckendsten Posen. Ein Arm angewinkelt und den Muskel angespannt, beide Arme rechts und links zu einem U geformt, waehrend seine Muskeln an den Oberarmen tanzen, beide Haende hinter dem Ruecken verschraenkt.. Das koennte er ewig tun, aber als hinter ihm ein Berg aus Decken auf zwei Beinen beginnt zu kichern, ist seine Koerperspannung so schnell verschwunden, wie eine Sternschnuppe in der Nacht. Er lacht verlegen, aber rot zu werden, dass will er seinem Koerper nicht erlauben. Schnell der Griff nach der Zahnbuerste und nur nich umdrehen. Im Spiegel beobachtet er, wie dieses Gewirr aus Beinen, Armen und vermutlich irgendwo ganz tief in diesem Geflecht aus Decken auch Koerper und Kopf, immer naeher auf ihn zukommt. Er beginnt so sehr zu Grinsen, dass ihm die Zahnpasta rechts und links wieder aus den Mundwinkeln quillt, bevor sie ihren Zweck tatsaechlich erfuellt hat. Immer naeher. Und naeher. Bis er die Decke an seinem Ruecken spuert. Er spuckt aus, spuelt sich den Mund aus und blickt weiter in den Spiegel. Hinter ihm taucht ploetzlich ein Gesicht auf, umschlungen von Textilien haengen ein paar wenige blonde Haare ueber ihre zwei stahlblauen Augen, die ihn im Spiegel fixieren. Langsam, er kann schon kurz vor ihrer Beruehrung die kalten Finger spueren, schiebt sie von hinten die Arme um seinen Bauch, waehrend er einfach nur da steht und laechelt. Sie schiebt, vorsichtig, als waere er aus Porzellan, ihren Kopf auf seine Schulter und fluestert ihm leise ins Ohr:

„Lass mal Knutschen.“

Ein Bild im Kopf als Karte fuer die Strasse. Mehr hatte ich nicht, als ich damals die dunkle, schwere Echtholztuer hinter mir ins Schloss zog. Seitdem war ich gelaufen und gerannt, ohne jemals anzukommen. Ohne auch nur eine Sekunde daran zu verschwenden, was ist und was wird, bin ich ueber die Buehnen dieser Welt, getanzt, ohne einem Takt zu folgen. Bin durch Hallen geschlichen und ueber Berge gestiegen, habe Mohnfelder gerochen und Menschen getroffen. Und nun stehe ich hier und fuehle mich, als waere ich angekommen, wo ich immer ankommen wollte: Am Ende des Anfangs.

Ploetzlich, wenn dir der beste Freund, wie selbstverstaendlich, nur Cola ins Glas schuettet, bist du erwachsen. Du uebernimmst Verantwortung. Zum ersten Mal in deinem Leben ziehst du eine Lehre aus deinen Handlungen und deren Konsequenzen. Fuer das erste Mal garnicht so schlecht. Abgewandt vom Alkohol sitzt du auf Partys zwar jetzt an anderen Tischen, aber hey: An eben diesen Tischen bist du immer der Groesste. Du stehst hinter deiner Entscheidung, wie deine richtigen Freunde, die mit dir am Kindertisch sitzen und dir Respekt zollen, fuer was und vorallem wie du es tust. Wie du ‚dein Ding‘ machst, ohne deins daraus zu machen. Sie klopfen dir auf die Schulter und sind stolz. Stolz darauf so jemanden wie dich zu kennen und gepraegt zu haben. Und du auch. Du bist auch stolz. Auf sie. Und dich. Alle.

..und plötzlich ist alles wie damals. Ich steh‘ im Club an der Bar, eine Andere im Arm, aber als du die Szene betrittst, wirst du innerhalb des Augenblicks in dem ich dich entdecke, zum Star des Abends. Deine Haare, deine Augen und wie du dich bewegst. Wie du dein Lächeln eiskalt provozierend in die Menge richtest, als wolltest du sagen „Seht her! Ich steh‘ am Rand und bin trotzdem schon der Mittelpunkt!“
Meine Begleitung sagt irgendetwas, aber ich hör schon einige Sekunden lang nicht einmal mehr die laute, basslastige Musik, die der DJ so sehr zu mögen scheint und habe nur noch Aufmerksamkeit für dich. Wie einem Sterbenden, kurz vor dem Tod, noch einmal das gesamte Leben vor den Augen abläuft, so sehe unsere Geschichte vor mir. Von damals bis heute.

Das erste Mal getroffen, bei Jenny auf deiner Geburtstagsparty.
Unser erster Kuss, 26 Tage und sieben Verabredungen später.
Der Tag, an dem du mir den Schlüssel in die Hand gedrückt und gesagt hast „Es ist so viel schöner zu wissen, dass du da bist wenn ich heimkomme!“ und der Tag, an dem ich meiner Mutter deinen Namen und unsere Geschichte erzaehlte und sie nur mit einem „Wow. Sie hat einen Namen. Muss ernst sein!“ antwortete.
Wie wir zusammen auf der Arbeit und privat alles gemeistert haben und nachmittags im Park kleine Kinder mit Popcorn füttern wollten, als wären es Tiere im Streichelzoo.
Wie wir uns ewig nicht gesehen und nur jeden Abend gehört haben. Ich im Ausland, du zuhause. Dann du im Ausland, ich zuhause.
Wie ich herausgefunden hab, was du in den 146 Tagen angestellt hast, die ich nicht da war.
Wie ich danach meine Freunde um Meinungen bat und von allen „Das war’s!“ hoerte.
Wie du mir danach ins Gesicht gelogen hast und wie ich eines Abends meine Tasche packte um zu gehen und niemals wieder zurueckzukommen.
Ein Drücken an meinem Arm holt mich zurueck ins Jetzt. Anita steht links von mir und blickt zu mir hoch, greift mir an den Hals und zieht mich zu sich runter. „Trauriger Blick? Was ist da los?“ Als ich in ihre stahlblauen Augen blicke, sehe ich in meine Zukunft und du bist wieder unwichtig. Nicht ich hab das geschafft, sondern sie. Ich muss mich nicht verstellen. Sie ist nicht diejenige, die sich heute von pseudoreichen Baenkern im 7er BMW durch die Stadt fahren lässt und dafür die Beine breit und den Mund zu zu machen hat. Sie holt mich aus dem Keller, wenn ich nachts in unserer Wohnung vor dem Pc sitze und einfach keine Ideen mehr habe, holt mich wieder runter, wenn ich von allen Seiten Komplimente bekomme und steht hinter mir und stärkt mich, ohne mich zu erdrücken. „Nichts. Alles gut. Lass uns gehen!“ sage ich, und laechle, bevor ich am Tresen unsere leeren Bierflaschen zurückgebe. Du tauchst neben mir auf, bestellst 2 Prosecco und erkennst mich zuerst garnicht. Als du es dann aber doch tust, beginnst du zu reden. „Woooooowww! Du siehst gut aus!!“ Aber ich drehe mich nur um, greife nach Anitas Hand und gehe.

Ich lasse dich hinter mir. Ein fuer alle Mal.

 

 

Eine Party. Meine Party. Aber ich bin nur der Gast.

Eigentlich sollte es mein Tag werden, aber mein Umfeld scheint das anders zu sehen. So sitze ich nun zwischen Angetrunkenen und lauthals ueber meine Zukunft diskutierenden Menschen, von denen keiner mit mir spricht. Rauchen ist im Lokal nicht erlaubt, deswegen erhebe ich mich, greife nach meiner Jacke und bemerke erst kurz vor der Tuer, dass der Tisch an dem ich bis vor wenigen Momenten noch nichtssagend gesessen hatte, mir ploetzlich schweigend hinterher sieht. Verwirrt blicke ich in Gesichter, die offensichtlich ebenso ueberrascht von meiner Handlung sind, wie ich von der ihren. „WAS WIRD DAS? SETZ DICH GEFAELLIGST! WIR SIND DOCH NUR WEGEN DIR HIER!“ hoere ich noch, bevor ich mir die Zigarette in den Mund stecke, mich langsam umdrehe um die Tuer zu oeffnen und mich zu den fremden Rauchern am Eingang zu gesellen. Ein Kopfschuetteln,ein „Pffft!“ und von dem Mitraucher direkt neben mir die Frage, ob ich Feuer braeuchte spaeter, steh ich nun also da. Die linke in der Tasche, die rechte Hand in regelmaessigen Abstaenden zum Mund fuehrend. Auch wenn ich aeusserlich die Ruhe in Person bin, nur wenige Zentimeter unter meiner Haut, brenne ich heisser als die Glut der Zigarette zwischen meinen Fingern. Mir wird klar, wie es ist, wenn du nichts hast ausser deinem Leben. Ich meine, ich liebe meine Familie. Ich liebe sie, wie ich sie zu lieben habe. Waere ich vor einigen Jahren nicht der gewesen, der ich damals war, haette ich vielleicht eine richtige. Ich habe so viel kaputt gemacht, nein, zerstoert.

Schreibe im Kopf Zeile um Zeile meiner Geschichte, die nicht meine ist, denn sie steht nur auf dem Papier. Die Zigarette und ich sind am Ende, aber leider kann ich mich nicht neu aus der Schachtel holen.. Mein Blick faellt auf die Apotheke gegenueber und ich bekomme Kopfschmerzen von der grell leuchtenden Aspirinwerbung im Schaufenster bevor ich, ohne die Rechnung zu zahlen oder mich zu verabschieden, diese Party verlasse. Es war meine, aber fuer mich war das nichts..

Mein Vater sagt immer „Unter’m Strich, steht nur eins: Das Ergebnis…“

Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, was er damit meint. Jetzt sitze ich an einem Tisch, draussen im Park, denke ueber alles nach, und beginne langsam zu verstehen. Mein gesamtes Leben war ich auf der Suche. Nach dem Sinn, Unsinn, Naehe, Geborgenheit und Glueck. Dem Glueck, das unzaehlige schon fanden, es aber nur mit den Fuessen treten, da sie wirkliche Werte nicht schaetzen koennen. Sie haben keine Vergleiche. Alles steht in Relation. Gut zu schlecht, traurig zu froehlich, huebsch zu haesslich, schnell zu langsam.. einfach alles wird mit der Hilfe eines anderen Objektes oder Gefuehls ermessen. Wie kann jemand wissen, dass er gluecklich ist, ohne ungluecklich gewesen zu sein? Woher wuessten wir, dass ein Wagen schnell faehrt, haetten wir nicht die an uns vorbeifliegende Landschaft, an der wir uns orientieren? Immer wieder lasse ich den Bleistift zwischen meinen Fingern kreisen und nicke geistesabwesend.

„Ich sollte nicht mehr suchen!“ sage ich mir.

Mein Schachpartner tippt mir mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die Stirn und sagt:

„Junge. Du hast ein Viertel deines Lebens hinter dIr, aber gefuehlt hast du bereits fuer tausende. Lass los. Lass deine Gefuehle los und, du wirst sehen, sie werden wiederkehren. Das verspreche ich dir. Du kannst nicht das gesammelte Leid der Erde auf deinen Schultern tragen, sogern du wuerdest. Du musst, wie ein Messer, immer scharf bleiben, falls dich jemand braucht. Du darfst niemals, versprich mir das, niemals abstumpfen. Wenn du so weiter machst, wirst du das aber. Gefuehle sind wie eine teures Spielzeug: Du kannst jeden Tag damit spielen, aber dann wird es nach einem Jahr in seine Einzelteile zerfallen und du hast nichts mehr. Wenn du es aber nur ab und zu aus dem Schrank holst, zu den richtigen Anlaessen, kannst du damit dich, und die Menschen, die du daran teilhaben laesst, ein ganzes Leben lachen lassen.“

Er hat Recht. Wie ich so darueber nachdenke, werde ich wohl niemals aufhoeren koennen, ein weniger rational, als emotional handelnder Mensch zu sein. Ich werde es niemals schaffen, meine Vergangenheit zu vergessen, denn sie, so schmerzhaft es auch manchmal ist, ist ein Teil von mir. Was ich aber durchaus schaffen koennte, ist, bestimmte Dinge nicht zu nah an mich heran zu lassen. Sie lieber in eine Glasvitrine packen und von Zeit zu Zeit einen Blick darauf werfen, mit Abstand und weniger Emotionen, als das im Moment der Fall ist. Langsam beginne ich zu verstehen.. Meine Vergangenheit, meine Gefuehle und ich, wir koennen nicht nur ein leicht zerbrechendes, sondern auch ein alles durchbrechendes Team sein.

Wie sagt mein Vater immer?
„Unter’m Strich, steht nur eins: Das Ergebnis…“

Und das ist, auch mit negativen Vorzeichen, irgendwie ein positives.

 

 

 

Seine Zigarette verglueht langsam im Aschenbecher waehrend er eine Platte auflegt und gespannt dem anfaenglichem Knistern lauscht, dass das Grammophon von sich gibt. Langsam dreht er sich um und macht einige Schritte zurueck an seinen Schreibtisch, auf dem eine alte Reiseschreibmaschine steht, in der ein unbeschriebenes Blatt klemmt. Schwerfaellig laesst er sich in seinen alten, abgeschundenen Ohrensessel fallen, rollt einige Zentimeter auf den Schreibtisch zu, verschraenkt die Arme vor der Brust und starrt auf das weisse Stueck Papier. So sitzt er nun einige Minuten da, ohne zu Wissen, worauf er wartet. Sein Kopf ist gefuellt mit Woertern. Kurze, lange, leichte, schwierige, brauchbare und unnuetzliche, aber sie, wie ein Bildhauer den Stein, in die Form zu bringen, die er sich vorstellt, faellt ihm mal wieder unheimlich schwer. Sein Blick wandert ueber seine dunkelroten Samtvorhaenge, die die Fenster verdunkeln und nur an den Raendern etwas Sonnenlicht erahnen lassen und ueber Unmengen von Buechern, die auf dem Boden gestapelt liegen. Ein leises Klopfen an der Tuer und seine Frau betritt die Szene. Leise und unaufdringlich, denn sie kennt diese Phasen ihres Mannes. Mit weichen lautlosen Schritten, fast einer Katze in Geschmeidigkeit und Anmut aehnelnd, taenzelt sie mit einem Tablett beladen durch das Zimmer, um ihm eine Tasse seines Lieblingstees auf den Tisch zu stellen. Wortlos. Als sie das Tablett geleert hat und sich wieder auf den Rueckweg durch die chaotisch wirkende Atmosphaere seines Arbeitszimmers machen will, spuert sie seine Hand, die nach der ihren sucht. Er haelt sie fest, und auch das kennt sie bereits. Hinter seinem Stuhl bleibt sie stehen, blickt ueber seine Schulter auf die Schreibmaschine, die sie ihm selbst damals geschenkt hatte, und legt ihre linke Hand auf seinen Hals.

 

„Ich glaube, es geht vorbei.“ roechelt er, mit fast sterbender Stimme.

„Was denn, mein Schatz?“

„Mein Kopf. Er wird weich. Alt und unbrauchbar. Ich merke, wie in mir die Verruecktheit aufkeimt, die bereits meinen Vater und seinen Bruder im Alter holte. Es fuehlt sich an, wie Wackelpudding.“

„Ach. Red nicht so einen Unfug! Du sitzt jetzt seit 3 Tagen vor diesem Blatt und wir beide wissen, dass es immer ein Zeichen war, wenn du nicht auf Anhieb geschrieben hast, sondern dir deine Geschichten hart erlitten hast. Denk nur an ‚Der Mann der Witwe‘ oder ‚Das 13. Buch‘. Du hast ueber Wochen keine einzige Zeile zu Papier gebracht, aber es sind deine Meisterwerke geworden!“

„Und trotzdem finde ich sie schlecht. Eher unter Zwang geschrieben, als frei von der Seele. Du bist die Einzige…“ sagt er, waehrend er den Kopf dreht und langsam zu Laecheln beginnt. Ihre Hand wandert an seine Wange, sie beugt sich zu ihm herunter und kuesst ihn langsam und gefuehlvoll, bevor sie das Zimmer wortlos verlaesst.

 

Langsam fuehrt er den schwarzen Tee, mit beiden Haenden die Tasse haltend, zu seinem Mund um erst etwas hinein zu pusten und dann einen kleinen Schluck zu nehmen.

 

 

‚Die letzten Worte“ schreibt er langsam, waehrend das Grammophon ein langsames Klavierstueck spielt. Seine Tastendruecke, lassen die Schreibmaschine erklingen, als waere es eine Sinfonie. Das Klicken, Klacken des Geraets, wenn die Buchstaben auf das Papier treffen, lassen ihn unmerklich ruhiger werden.

 

Sein Atem verlangsamt sich.

 

 

 

Es ist der grosse Bruder des Schlafs, der ihn holt.